Schuhe für Jordanien

Ein Augenarzt aus Duisburg hilft hunderten von Flüchtlingskindern. Mit Unterstützung durch die Stiftung Glaubens- und Lebenshilfe werden Winterstiefel und Socken in zwei Flüchtlingslager in Jordanien transportiert.

Khalid Buschnak ist Augenarzt in Duisburg. Seid 30 Jahren hat er seine Praxis dort, es geht ihm gut. Doch nicht alles ist in Ordnung. Die Folgen des Krieges in Syrien machen sich auch seinem Heimatland, in Jordanien, bemerkbar. Natürlich verfolgt er die Geschehnisse in den Medien. Und irgendwann kann er nicht mehr tatenlos zu Hause rumsitzen. Er will den Menschen helfen, die vor dem IS geflohen sind. Denn nur zusehen ist für ihn keine Option mehr. Erschüttert von all den Berichten und schrecklichen Bildern, überlegt er, was er tun kann. „Als wir die Kinder im Fernsehen gesehen haben, im Schnee und im Matsch in der Kälte und mit zerrissenen Latschen, da konnten wir nicht länger hingucken und haben uns entschlossen, diese Spendenaktion zu machen.“ Diese Spende, das sind 2540 Winterstiefel und 2500 Socken für Kinder aus zwei großen Flüchtlingslagern in Jordanien. Und jeder einzelne Cent ist aus Buschnaks eigener Tasche geflossen.

Den Entschluss zu handeln trägt er lange im Herzen. Es dauert, bis aus dem Wunsch Wirklichkeit wird. „Wir haben lange nach einer Methode gesucht“, denn die Umsetzung, die behördlichen Genehmigungen, Helfer und Schuhlieferanten zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Zusammen mit seiner Frau überlegt er, wie ein solches Projekt organisiert und in die Tat umgesetzt werden könnte. Der Schlüssel ist am Ende ein einziger Anruf. Im Herbst 2015 telefoniert Khalid Buschnak mit einem alten Schulfreund aus Jordanien. Er erzählt ihm seine Idee. Der Schulfreund ist begeistert. Selbst ist er sogar Schuhverkäufer, er führt jedoch keine Kinderschuhe. „Das geht nicht“, sagt Buschnak, schließlich will er gezielt die Kinder unterstützen. Der Freund aus alten Tagen kann aber trotzdem weiterhelfen: er stellt den Kontakt her zu einem anderen Händler, der auch Kinderschuhe führt. Und es passt! Auf einmal geht alles ganz schnell. Bei dem Händler reserviert Buschnak schon von Deutschland aus besagte Kinderstiefel, dazu viele dicke Socken, „damit es hinterher nicht heißt, es sei nicht alles auf Lager“. Mit Hilfe seines Freundes, mietet er einen LKW in Jordanien, mit dem er die Schuhe transportieren kann. Und der Freund erweist sich weiterhin als gute Hilfe: er kann den Schuhlieferanten davon überzeugen, dass keine Anzahlung nötig ist, denn Buschnak sei ehrlich und man könne sich auf ihn verlassen. Nun fehlt jedoch noch eine Organisation, über welche die Spende offiziell laufen kann. Es soll eine sein, die keine Spendengelder für administrative Zwecke abzweigt, sondern wo das Geld „direkt den Flüchtlingen zu Gute kommt“. Mit der Stiftung Glaubens- und Lebenshilfe findet Buschnak diese Organisation, den Kontakt stellt sein Schwiegersohn her.

Im Januar 2016 macht Khalid Buschnak sich schließlich ganz allein auf den Weg in das Land, aus welchem er vor 35 Jahren nach Deutschland kam. Fünf Tage ist er dort. Mit dem gemieteten LKW holen sie die bestellte Ware ab und bringen sie in zwei Flüchtlingslager. Hilfe erhalten sie dabei von Mitarbeitern gemeinnütziger Organisationen, die vor Ort und in den Flüchtlingslagern tätig sind. Für jede tatkräftige Hand sind sie dankbar, denn die Pakete sind schwer – und es sind viele. Dann geht es auf zu den Camps.

Die Flüchtlingsunterkunft ist hoch umzäunt mit Gitterstäben und Maschendraht. Ein riesiges Lager mit fast 82.000 Menschen. Dort hineinzukommen ist schwierig. „Wir mussten die Genehmigung über den Polizeichef beantragen. Ohne die Hilfe von einem General der Polizei wären wir nicht so weit gekommen, weil die Flüchtlinge abgeschottet sind. Die leben wie in einem Ghetto. Sie dürfen nicht raus und keiner darf rein.“ Mit der Unterschrift des Innenministers des Landes und sieben weiteren Unterschriften wichtiger Amtsträger, gelingt ihm jedoch. Das Dokument, auf dem alle Signaturen gesammelt sind, ist seine Eintrittskarte. Nur ist es kein Vergnügungspark, den Buschnak betritt, sondern ein weiter und trostloser Hof. Und sein Besuch bleibt nicht lange ungesehen.

Mitarbeiter und Helfer des Flüchtlingslagers laden die Kartons aus dem LKW. Sie verteilen Schuhe und Socken. Buschnak überwacht die gesamte Verteilung, achtet darauf, dass die Ware wirklich dort ankommt, wo sie ankommen soll. Die Kinder stehen in einer Reihe an, warten voll Ungeduld bis sie drankommen. Sie wissen, was sie bekommen. Ein Junge zieht seine Sandalen aus, die er bei Minusgraden getragen hat, und zieht die neuen Stiefel an. Stolz hebt er die Sandalen in Luft – die braucht er jetzt nicht mehr. Für Khalid Buschnak ist das ein besonderer Augenblick. Der Mann, der einst selbst als Kind palästinensischer Flüchtlinge in Jordanien Zuflucht gefunden hat,er weiß, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein kann, dass er hierher kommt, um zu helfen. Gerne würde er die Aktion im nächsten Jahr wiederholen. Er hofft, dass sich dann noch mehr Leute beteiligen und Spenden sammeln. „Und dieses mal“, so wünscht Buschnak sich, „wird hoffentlich ein Mitarbeiter von der Stiftung mitfliegen.“